Seit dem 13. Jahrhundert steht sie im Dorf. Sie hat Pest, Krieg und Brand überstanden — und soll auch der nächsten Generation erhalten bleiben.
Tag des offenen Denkmals · Sonntag, 13. September 2026, 13–18 Uhr · Kirche, Glockenturm und Pfarrgarten geöffnet
Eine kleine Saalkirche mit sieben Jahrhunderten Geschichte — und einem freistehenden Glockenturm, wie es ihn kaum noch gibt.
Die kleine, rechteckige Saalkirche mit Satteldach stammt vermutlich aus dem 13. Jahrhundert. Anstelle eines Turmes krönt sie ein achteckiger Haubenreiter — ein schlanker Dachreiter, der dem Bau seine unverwechselbare Silhouette gibt.
Aus der gotischen Bauzeit haben sich die Dreifenstergruppe an der Ostwand sowie zugemauerte kleine Fenster an der Westseite erhalten. An der Südwand ist ein zugemauertes Gewände zu erkennen, an der Nordseite der frühere Zugang zur Herrschaftsloge — dem Sonderplatz, den der Rittergutsbesitzer von Zörbitz in der Kirche beanspruchte, ohne selbst Patronatsherr zu sein.
Im Inneren erwarten Besucher eine Holzbalkendecke mit ährenförmig gesetzter Täfelung, eine hufeisenförmige Empore und barockes Gestühl unter der Loge. Kanzelaltar und hölzerner Taufstein stammen aus dem 18. Jahrhundert; links vom Altar liegt eine kleine Nische.
Nordwestlich der Kirche steht, vom Gebäude getrennt, ein achteckiger Glockenturm aus Backstein mit einem Glockengeschoss in Fachwerk, errichtet Ende des 19. Jahrhunderts. Der Anbau an der Kirche greift diese Fachwerkform auf und entstand wohl Anfang des 20. Jahrhunderts. Zum Ensemble gehört außerdem ein einfacher, naturbelassener Pfarrgarten.
Über 200 Orgeln hat Friedrich Ladegast gebaut. Eine davon steht in Gerstewitz.
Friedrich Ladegast (1818–1905) richtete 1846 seine Werkstatt in Weißenfels ein — nur wenige Kilometer von Gerstewitz entfernt. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Orgelbauer des 19. Jahrhunderts.
Auf seiner Wanderschaft arbeitete Ladegast unter anderem bei Aristide Cavaillé-Coll in Paris. Aus dieser Zeit brachte er technische Neuerungen wie Schwelltritte und Barker-Hebel nach Deutschland. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählt der Neubau der Orgel im Merseburger Dom.
Die Orgel der Dorfkirche Gerstewitz entstand 1861 — ein Instrument von einem Meister seines Fachs, an einem Ort, an dem man es kaum erwarten würde. Genau solche Instrumente machen die kleinen Dorfkirchen dieser Region so wertvoll und ihren Erhalt so dringlich.
765 Jahre schriftlich belegte Geschichte — verdichtet auf zwölf Stationen.
Erste urkundliche Erwähnung als „villa et pagum Gorscuwiz“ — Dorf und Gau. Nach mehrfachem Wandel der Schreibweise setzt sich ab 1816 die Form Gerstewitz durch, die der mundartlichen Bezeichnung entspricht.
Errichtung der Saalkirche. Der Ort gehört direkt zum kurfürstlichen Amt Weißenfels, das auch das Patronatsrecht und die Auswahl des Pfarrers innehat.
Gerstewitz ist Mutterkirche eines größeren Sprengels: Zörbitz ist eingepfarrt, Selau mit Borau und Kleben sind Filiale — seit der Reformation auch Nellschütz.
Die Pest erreicht das Dorf. Überliefert ist, dass alle Dorfbewohner einschließlich des Pfarrers ihr zum Opfer fallen.
Im Dreißigjährigen Krieg setzen schwedische Truppen das Dorf in Brand — vier Jahre nach der Schlacht bei Lützen. Auch die Kirche brennt ab.
Wiederaufbau der Kirche, rund drei Jahrzehnte nach dem Brand. Die großen Fenster des Kirchenschiffs stammen vermutlich aus dieser Zeit oder wenig später.
In Gerstewitz stehen zwölf Häuser. 1840 sind es vierzehn mit 60 Bewohnern.
Durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses fällt Gerstewitz an Preußen und wird dem Kreis Weißenfels im Regierungsbezirk Merseburg der Provinz Sachsen zugeteilt.
Friedrich Ladegast aus Weißenfels baut die Orgel der Dorfkirche — bis heute das musikalische Herzstück des Baus.
Eine Bockwindmühle wird nach Gerstewitz umgesetzt. Sie gilt heute als letzter Zeuge einer einst mühlenreichen Landschaft — ein zweites Denkmal im Ort. Ende desselben Jahrhunderts entsteht der freistehende achteckige Glockenturm.
Die Gemeinde Zorbau mit ihren Ortsteilen Gerstewitz, Nellschütz, Zorbau und Zörbitz wird per Gesetz in die Stadt Lützen eingemeindet.
Gründung des Vereins zur Erhaltung der Kirche Gerstewitz e.V., eingetragen beim Amtsgericht Stendal unter VR 7279 — damit liegt die Zukunft des Denkmals in den Händen der Dorfgemeinschaft.
Frisch gegründet, mit einem klaren Auftrag: die Dorfkirche für die Gemeinschaft erhalten.
Kirchen wie die in Gerstewitz stehen selten im Mittelpunkt großer Denkmalprogramme. Ihr Erhalt hängt am Engagement vor Ort — an Menschen, die anpacken, spenden und dranbleiben. Genau dafür wurde der Verein zur Erhaltung der Kirche Gerstewitz e.V. ins Leben gerufen.
Der Verein kümmert sich um Sanierung, Pflege und Zukunft des über 700 Jahre alten Baudenkmals: um Kirche, Glockenturm, Orgel und Pfarrgarten. Er öffnet die Kirche für Besucher — etwa am Tag des offenen Denkmals — und macht sie so wieder zu einem Ort, an dem das Dorf zusammenkommt.
Gegründet wurde der Verein von Peter Hoppe. Der Sitz liegt in der Alten Straße in 06686 Lützen OT Gerstewitz — nur wenige Schritte von der Kirche entfernt.
Der Verein steht am Anfang — und lebt von Menschen, die mit anpacken, beitreten oder unterstützen.
Als Mitglied tragen Sie den Erhalt der Kirche dauerhaft mit und entscheiden mit, wohin die Arbeit des Vereins geht.
Ob einmalig oder regelmäßig: Jede Spende fließt direkt in Erhalt und Pflege von Kirche, Glockenturm, Orgel und Pfarrgarten.
Vom Pflegen des Kirchgeländes bis zur Mithilfe beim Tag des offenen Denkmals — tatkräftige Hände sind immer willkommen.
Ob Mitgliedschaft, Spende, Besichtigung oder einfach eine Frage zur Kirche — melden Sie sich gern.
Sonntag, 13. September 2026
13:00 – 18:00 Uhr
Kirche und Glockenturm sind zur Besichtigung geöffnet. Im Pfarrgarten gibt es Kaffee und Kuchen sowie Steaks und Rostbratwürste.
Für Kinder ist eine Bastelstraße aufgebaut. Parkplätze sind vorhanden.